Wiesbaden, 28. Januar 2026 – Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat in ihrer diesjährigen Pressekonferenz und dem Bericht “Risks in Focus 2026” vor einer zunehmenden Gefährdung der Stabilität und Integrität des deutschen Finanzsystems gewarnt. BaFin-Präsident Mark Branson betonte, dass aktuelle Marktbedingungen und strukturelle Faktoren die Finanzmärkte anfälliger für Krisen machen.
Fraktale als Metapher für Finanzrisiken
Branson eröffnete die Pressekonferenz mit einem Hinweis auf Benoît Mandelbrot, den Begründer der Fraktaltheorie, die auch auf Finanzmärkte angewendet werden kann. „Finanzrisiken erscheinen auf den ersten Blick modellierbar, doch in der Realität treten extreme Risiken häufiger auf als erwartet“, erklärte Branson.
Die BaFin nutzt dieses Konzept, um auf die Notwendigkeit strenger Risikokontrollen und Stresstests hinzuweisen. „Wir wollen, dass Finanzinstitute für alle Marktlagen gerüstet sind – nicht nur für die durchschnittlichen, sondern auch für extreme Szenarien“, so Branson.
Sechs zentrale Finanzrisiken im Fokus
Der Bericht identifiziert sechs Risiken, die das deutsche Finanzsystem 2026 besonders bedrohen:
- Kreditrisiken: Insolvenzen von Unternehmen steigen. 2025 wurden bis Oktober 20.233 Insolvenzen gemeldet, ein Anstieg von 10,9 % gegenüber 2024. Banken verschärfen Kreditvergaben, doch steigende Ausfallrisiken bleiben bestehen.
- Risiken aus Digitalisierungsprozessen: Cyberangriffe, digitale Innovationen und staatlich unterstützte Sabotage erhöhen die Anfälligkeit des Finanzsystems.
- Konsumerrisiken: Zunehmende Verschuldung durch „Buy Now, Pay Later“ (BNPL)-Angebote und unzureichende Finanzbildung bergen Gefahren für private Haushalte.
- Marktrisiken: Hohe Aktienbewertungen, niedrige Risikoprämien bei Anleihen und eine mögliche Korrektur am Kapitalmarkt können plötzliche Verluste verursachen.
- Nicht-bankmäßige Finanzintermediäre: Private-Debt-Fonds und Shadow-Banking-Strukturen wachsen schnell und sind stark mit traditionellen Banken vernetzt, wodurch internationale Risiken nach Deutschland übergreifen.
- Klimarisiken: Investitionsbedarf in Klimaneutralität und Infrastruktur sowie extreme Wetterereignisse können langfristig finanzielle Belastungen verursachen.
Trends im Finanzsektor: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Geopolitik
BaFin hebt drei Entwicklungen hervor, die die Risikolandschaft verändern:
- Digitalisierung: FinTechs, Stablecoins und Krypto-Assets bieten Chancen, bergen aber hohe Verbraucher- und Systemrisiken. Besonders der wachsende Markt für Stablecoins kann im Falle eines Vertrauensverlusts zu einem massiven Liquiditätsdruck führen.
- Nachhaltigkeit: Finanzinstitute stehen vor großen Investitionsanforderungen, um Klimaziele zu erreichen. Fehlende Kapitalreserven oder Fehleinschätzungen könnten die Stabilität bedrohen.
- Geopolitische Turbulenzen: Handelskonflikte, militärische Spannungen und De-Globalisierung belasten Märkte und erschweren internationale Kooperationen im Krisenfall.
Verbraucher im Fokus
Zum ersten Mal enthält der Bericht auch Konsumentenrisiken. BaFin warnt vor übermäßiger Verschuldung durch kleine Kredite, Online-Buy-Now-Pay-Later-Angebote und Investitionen in komplexe Finanzprodukte, insbesondere Kryptoassets. Laut Creditreform waren Ende 2025 rund 5,7 Millionen Menschen über 18 Jahre in Deutschland überverschuldet – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2024.
BaFin betont die Bedeutung finanzieller Aufklärung: „Wir können die Risiken nicht komplett verhindern, aber wir können Verbraucher informieren, damit sie fundierte Entscheidungen treffen.“
Fazit: Prävention und Risikoorientierte Aufsicht
Mark Branson fasst zusammen: „Die Finanzmärkte stehen vor einem komplexen Mix aus Chancen und Risiken. Unsere Aufgabe ist es, die Finanzinstitute so zu überwachen, dass sie alle Szenarien bestehen – für ein stabiles, vertrauenswürdiges System.“
Die BaFin setzt dabei auf einen integrativen Ansatz, der sowohl die Stabilität der Finanzmärkte als auch den Verbraucherschutz gleichermaßen berücksichtigt. Strikte Priorisierung und Prävention sind entscheidend, um künftige Krisen abzufedern.
